Redebeitrag des Bündnis 8. März München auf der Demonstration gegen den 1000-Kreuze-Marsch 2018

Liebe Anwesende,

Mittel der Geburtenkontrolle wie Verhütung, Abtreibung und Kindstötung sind sehr alt. Tausende von Jahren und durch alle Gesellschaften.

In Deutschland wurde der Paragraf 218 im Jahre 1871 eingeführt.

Angesichts des durch die Industrialisierung erzeugten Elends in den Städten stieg in Deutschland die jährliche Zahl der Aborte rasant auf mehrere Hunderttausend an. Weil Verhütungsmittel verboten waren, griffen arme Frauen* zu schweren Giften oder ließen den Abgang durch Tritte und Stockschläge herbeiführen, während reiche Frauen* ihren Hausarzt bemühten.

Seit es den Paragrafen gibt, wurde tausendfach, ja millionenfach gegen dieses Gesetz verstoßen und seine Abschaffung gefordert.

Der Paragraf 218 ist ein Mittel der Frauen*unterdrückung

Bewegung für das Selbstbestimmungsrecht der Frau*

Bereits 1908 propagierte Helene Stöcker das Recht auf eine selbstbestimmte und freiwillige Mutter*schaft. Ihre Forderungen umfassten ein Recht auf Abtreibung nicht nur bei körperlicher Vergewaltigung, sondern auch im Falle seelischer Vergewaltigung, wirtschaftlicher Not oder einen anderen Art der Gefährdung der Existenz von Mutter* und Kind.

In der Weimarer Republik entstand die bisher wohl größte Bewegung für die Freigabe von Abtreibung und das Selbstbestimmungsrecht der Frau* unter dem Motto »Dein Bauch gehört dir«. In ihr kam die Bewegung gegen den ebenfalls im Jahr 1871 erlassenen »Homosexuellenparagrafen« 175 mit den Bewegungen der Sexualreformer, der radikalen Frauen*rechtlerinnen, zu denen Helene Stöcker gehörte, und der Kommunistischen Partei zusammen. Befeuert wurde sie durch die (kurzlebige) völlige Aufhebung des Abtreibungsverbots im nachrevolutionären Sowjetrussland im Jahr 1920. Ihren Höhepunkt erreicht die Kampagne, als Papst Pius XI., der sich in Italien mit dem Faschismus unter Mussolini verbündet hatte, im Jahr 1930 verkündete, Sex habe in der Ehe und ausschließlich zur Fortpflanzung zu erfolgen, andernfalls müsse der Staat hart durchgreifen.

Unter der Naziherrschaft wurde dann jede fortschrittliche Bewegung ausgelöscht. Die Faschisten betrachteten Abtreibung als »Rassenverrat« und Gefährdung des »deutschen Volks«, während zugleich Jüdinnen Zwangsabtreibungen unterzogen wurden.

Barbarei im Namen des Lebensschutzes

Im Nachkriegswestdeutschland nahm die aus der linken 68er-Bewegung entstehende Frauen*bewegung den Kampf gegen den Paragrafen 218 erneut auf und das Gesetz wurde schließlich gelockert. Seitdem versuchen reaktionär-religiöse »Lebensschützer*innen« das Blatt wieder zu wenden. Auf ihren Druck hin wurde in den 1990er Jahren – nach der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR – bei einer neuerlichen Reform zum ersten Mal in der über hundertjährigen Geschichte des Paragrafen ein »Schutz des Ungeborenen« aufgenommen – und somit ein höheres Lebensrecht für den Fötus als für die schwangere Frau*.

Die wachsenden Aufmärsche der christlichen Fundamentalist*innen müssen uns eine Warnung sein. Diese pflegen enge Beziehungen zur rechtsradikalen AfD, die schon mit der Forderung nach einer Verschärfung des Paragrafen 218 Wahlkampf geführt hat. Wo diese Kräfte sich durchsetzen können, drohen wahre Barbareien im Namen des „Lebensschutzes“. In El Salvador, wo auf Betreiben der katholischen Kirche Ende der 1990er Jahre ein totales Abtreibungsverbot verhängt wurde, sitzen Frauen* bis zu vierzig Jahre lang für eine illegale Abtreibung ein. Die Verurteilten sind überwiegend arme Indigenas, während die reichen Frauen* für einen Abort ins Ausland reisen.

AfD und »Lebensschützer*innen« stoppen

Aber auch hierzulande steigt der Einfluss christlicher Fundamentalist*innen, wie sich an dem Fall einer Ende 2013 vergewaltigten Studentin in Nordrhein-Westfalen gezeigt hat. Gleich zwei katholische Krankenhäuser verweigerten ihr die Untersuchung und Spurensicherung, weil sie dann die »Pille danach« hätten verschreiben müssen, was gegen ihr »christliches Gedankengut« verstoße. Wir stehen deshalb vor der Aufgabe, den Marsch der »Lebensschützer« wie auch die AfD zu stoppen und die erkämpften Rechte zu verteidigen.

Wir stehen hier um Krista Hänel zu verteidigen, die zu 6.000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie angeblich Werbung für Abtreibung macht.

Wir fordern die Abschaffung der Paragragen 218 und 219a.